Die Insel Myken liegt 32 Kilometer vor der norwegischen Küste – mitten im Meer. Die fischreichen Gewässer liegen hier direkt vor der Haustür. Timo Keibel und Sebastian Visse besuchten die abgelegene Insel und erlebten eine Meeresangelei, wie sie sich Meeresangler nur erträumen.
Autor Timo Keibel

Mitternachtssonne, stramme Dorsche und kein Ende in Sicht: Timo (links) und Sebastian erleben eine Sternstunde
Bereits im Vorgespräch machte Steffen Dietze von Din Tur uns – mich, Timo, und Kumpel Sebastian Visse von Tackle Trip – richtig heiß auf Myken. „Die Hotspots liegen direkt vor der Insel. Lange Bootsfahrten sind nicht nötig!“, versprach er. Er sollte recht behalten.
Keine fünf Minuten nach dem Ablegen treiben wir im geräumigen 22-Fuß-Kaasbøll mit 140 PS am Heck bereits über einem markanten Unterwasserberg. Unsere Gummifische sausen Richtung Grund. Schneller kann ein Angeltag in Norwegen kaum beginnen. „Die Anzeige auf dem Echolot sieht richtig gut aus“, sagt Sebastian, der mich auf dieser Tour begleitet. Der Heilbutt-Guide und erfahrene Norwegen-Kenner musste nicht lange überzeugt werden, als ich ihm von Myken erzählte. „In das Revier geht es? Die Insel liegt komplett Offshore. Guck dir mal die Seekarte an – da bin ich auf jeden Fall dabei!“
Schon beim Absinken findet Sebastians Gummifisch einen ersten Abnehmer. Wenige Augenblicke später pumpt der Osnabrücker einen halbstarken Dorsch an die Oberfläche. Mein Köder erreicht den Grund. Ich nehme Kontakt auf und kurble den Gummi langsam durch die rund 20 Meter tiefe Wassersäule. Im Mittelwasser erste Zupfer. Noch einmal. Dann bleibt der Köder stehen. Fisch! Die Rute krümmt sich im Halbkreis. POLLACK! Da bin ich mir sicher. Wenig später landet der erste Bronzebarren an Deck. Ein perfekter Auftakt. Und wie sich noch zeigen sollte, war dieser Fisch nur der Anfang einer Reise, die uns noch einige Traumfische bescheren sollte – im vielleicht besten Revier Norwegens.
Myken: Insel im Fisch
Vor der ersten Ausfahrt stand die Anreise nach Myken an. Vom Schnellfährhafen (Hurtigbåtkai) in Bodø ging es nach Rødøy, dort der Umstieg und weiter nach Myken. Klingt umständlich, ist es aber nicht – schnell verfliegen die Bedenken und die knapp vierstündige Fahrt stimmt uns mit der schönen Landschaft am Polarkreis auf die Woche ein. Myken liegt rund 32 Kilometer vor der Küste Helgelands im südlichen Nordland. Nur eine Handvoll Insulaner hält den Betrieb ganzjährig am Laufen, dazu kommen Ferienhausbesitzer und Urlauber wie wir. In Norwegen ist Myken für seine Whisky-Destillerie bekannt, diese liegt direkt am Anleger neben Myken Brygge. Genau dort kommen Sebastian und ich am Abend an.
Kurze Wege und ein bereitstehender Karren machen das Ankommen leicht, die Taschen sind schnell verstaut. Vom Apartment blicken wir direkt auf die Bootsflotte – alles liegt nah beieinander. Der Dorfladen ist nur zwei Gehminuten entfernt und bietet alles Nötige: Lebensmittel, Getränke, Angelausrüstung und Styropor-Fischkisten. Vor allem aber echtes Inselleben und Begegnungen mit den Insulanern, die Myken seinen Charakter geben.
Pausenplan
Zurück zum Beginn: Für die erste Ausfahrt steuern Sebastian und ich nach Süden. Dort erhoffen wir uns etwas Schutz vor Wind und Dünung. Bereits am Ausgang des Sunds befischen wir verschiedene Untiefen. Neben Dorschen und Pollacks gehen uns zudem etliche Köhler in Futterfischgröße auf die Gummifische. Bei einer Drift in etwas tieferes Wasser schnappt sich bei rund 90 Metern Tiefe ein halbstarker Leng meinen schweren 400-Gramm-Pilker. Am Nachmittag knurrt uns jedoch der Magen, sodass wir schnell zurück in den Hafen fahren und uns stärken.
Die Pause nutzen wir auch, um uns im Dorfladen einzudecken. Dieser hat täglich für ein paar Stunden geöffnet. Dank der kurzen Wege sind die Besorgungen schnell erledigt und wir gestärkt, um erneut in See zu stechen. Unser Kaasbøll-Aluboot mit 140-PS-Außenborder, Hardtop und hohem Sicherheitsstandard steht unter dem Namen „Lauritz“ vor der ersten richtigen Herausforderung. „Ob wir wohl zum markanten Spot ‚Finningan‘ kommen?“, fragt mich Sebastian.
Myken: Perfekt für Platte
Wir erreichen den Spot zwar, doch Drift und Dünung sind zu stark. Also ändern wir den Plan und angeln auf Heilbutt. Rund um die Insel finden sich auch bei Wind immer geschützte Ecken. Mit Sebastian habe ich einen echten Heilbutt-Experten an meiner Seite und vertraue seiner Einschätzung. „In den Rinnen zwischen den Inseln sind wir geschützt. Da fangen wir“, ist sich der Kveite-Guide sicher. Ich bin skeptisch – mit den großen Platten tue ich mich oft schwer. Schnell besorgen wir Köderfische und driften am Eingang des kleinen Sunds nördlich von Våndholmen (66° 45.602′ N 12° 29.367′ E) über 18 bis 25 Meter Tiefe. „Wir machen kurze Driften – das sieht gut aus“, sagt Sebastian. Die erste Drift bleibt ohne Erfolg.
Auf der zweiten folgt nach wenigen Minuten ein deutlicher Biss an meiner Rute. „Das ist ein Heilbutt“, sagt Sebastian sofort. Meine Multirolle summt bei den Fluchten. Meter um Meter gewinne ich Schnur zurück – und der Fisch zeigt sich unter der Oberfläche. „Ein guter Fisch für den Anfang.“ Erstaunt und erleichtert halte ich einen 1,13 Meter langen Heilbutt in den Armen. Wenig später steigt auch bei Sebastian ein Fisch ein, bleibt aber nicht hängen. Dafür schnappt sich beim Einkurbeln ein weiterer Heilbutt in ähnlicher Größe meinen Köder – diesmal in der nördlichen Rinne (66° 45.792′ N 12° 27.266′ E), in Sichtweite zur Anlage. Während der Woche bleiben die Zeitfenster fürs Heilbuttangeln kurz, dennoch landet Sebastian noch zwei weitere schöne Fische. „Für die kurze Angelzeit auf Heilbutt ist das top“, lautet sein Fazit. Dass hier auch deutlich größere Fische schwimmen, zeigt ein 1,50 Meter langer Butt, den ein anderer Gast beim Pilken fängt.
Draußen auf Dorsch
Mitte Juni geht die Sonne auf Myken nicht unter. Sebastian und ich legen daher eine Nacht- oder besser gesagt Mitternachtssonnen-Schicht ein. Wir wollen uns die Gelegenheit – der Wind flaut ab – nicht entgehen lassen und stehen nach dem Abendessen gegen 23 Uhr erneut auf dem Boot. Wir steuern die heißen Stellen nördlich der Insel an. Die Untiefen Sørfallet, Knutsfallan, Nordfallet und Telnesgrunnen (66° 49.529′ N 12° 35.169′ E) sind unser Ziel.
„Wahnsinn, was hier an Fisch steht“, sage ich zu Sebastian. Egal, an welchem Spot wir es probieren, Fisch ist überall. Dabei suchen wir die Unterwasserberge von allen Seiten ab, denn oft finden wir die Räuber nur auf einer Seite – je nachdem, wie die Strömung gerade steht. Pollack, Köhler und Dorsch sind im Übermaß vorhanden. Allerdings dauert es etwas, bis wir eine Stelle mit guten Dorschen finden. Dort knallt es dann aber richtig. Gleich mehrere Fische um die zehn Kilo und um die Metermarke können wir überlisten. Sebastian greift dabei oben ins Regal mit einem 1,10 Meter langen Top-Fisch. „Richtig gut, dabei habe ich es doch auf Seelachs abgesehen“, lässt er mich wissen.
Hammer auf Havsei
Die großen Köhler sind an den Stellen nämlich auch unterwegs. Eine andere Angelgruppe fing gleich mehrere gewaltige Exemplare im zweistelligen Kilobereich. Und genau diese suchen wir mehrere Tage an den verschiedenen Stellen rund um die Insel…
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