Mit dem leicht krausen Winterhaar dieser Tierart lassen sich tolle, impressionistisch lebendig wirkende Muster zaubern. Hans Eiber über das Haar aus den Bergen, das in keiner Bindebox fehlen darf.

Material in Dubbing-Schlaufe

Interessanterweise ist das Haar der europäischen Gebirgsziege, der Gämse (lateinisch Rupicapra rupicapra, bayerisch kurz „Gams“, internationale Bezeichnung „chamois“), für viele Fliegenfischer ein eher exotisches Produkt. Zwar band schon in den 1980er- und 1990er-Jahren der Italiener Francesco Palù damit seine unter Eingeweihten berühmten Sedges unter Anwendung der damals noch nicht so verbreiteten Schlaufentechnik, dennoch fand dieses faszinierende Material lange Zeit keinen wirklichen Eingang in die allgemeine Bindeszene.
Das liegt möglicherweise auch daran, dass Gemsen nur begrenzt in bestimmten Bergregionen Europas und Kleinasiens vorkommen. In verschiedene Unterarten aufgeteilt, leben sie unter anderem in den Hochlagen der Alpen, Pyrenäen oder Karpaten. In den großen Fliegenfischerländern England oder den USA sind sie nicht heimisch – vermutlich spielt das Material dort deshalb keine Rolle.

Verschiedene Muster mit Gamshaar

Lebendige Muster

Sucht man heute im Netz, findet man einige bewegte Clips unter Stichworten wie „italian fly tying“ oder „italian sedge“. Doch darüber hinaus geht es kaum. Dabei wäre es viel zu kurz gegriffen, die Verwendung von Gamshaar ausschließlich mit dem Binden trockener Sedges und der Schlaufentechnik in Verbindung zu bringen.
Prinzipiell lassen sich sehr viele Muster, für die man üblicherweise Reh- oder Hirschhaar verwendet, auch mit dem Winterhaar der Gams binden. Ich persönlich finde dieses Material sogar noch deutlich interessanter. Das einzelne Haar besitzt – ähnlich dem Winterhaar der Hirschartigen – kleine Lufteinschlüsse zur Kälteisolation. Es ist jedoch dünner und mag pro Haar nicht das gleiche grundsätzliche Schwimmvermögen wie etwa Rehhaar haben. Andererseits stehen pro Quadratzentimeter Haut deutlich mehr Haare zur Verfügung.
Das Haar ist sehr beweglich und leicht gekräuselt, vor allem zu den Spitzen hin. Diese Kräuselung sorgt – eine sorgfältige Imprägnierung vorausgesetzt – für eine sehr gute Auflagefläche im Oberflächenfilm und lässt das Muster zudem unnachahmlich lebendig erscheinen. Legt man eines auf ein weißes Blatt Papier, meint man fast, es würde gleich beginnen wegzukrabbeln. Mit den meist starr und gerade abstehenden Rehhaaren ist dieser Eindruck schwerer zu erreichen (…)

Text & Fotos: Hans Eiber

Den ganzen Artikel findet Ihr in FISCH & FLIEGE 85.

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