Auf Perlensuche in Mecklenburg-Vorpommern? In den letzten 20 Jahren hat sich das Karpfenangeln in Deutschland verändert. Längst sind die Bestände der meisten Gewässer bekannt. Es gibt einfach keine Geheimnisse mehr. Wirklich? David Hagemeister suchte und fand tatsächlich unentdeckte Perlen in Mecklenburg-Vorpommern.

Ruhe und Einsamkeit

Meine Heimat Mecklenburg- Vorpommern ist ein Land mit reichlich anglerischen Reizen. Aufgrund der geringen Bevölkerungsdichte und der meist ursprünglichen Natur bieten sich Möglichkeiten und Freiheiten, die anderswo so nicht möglich sind. Und obwohl das moderne Karpfenangeln hier schon seit 20 Jahren teilweise recht intensiv betrieben wird, finden sich auf der Landkarte noch weit verteilt „weiße Flecken“, die bisher noch nicht unter die Lupe genommen wurden. Ja, es herrscht stellenweise sogar absolute Unkenntnis darüber, ob in den jeweiligen Gewässern überhaupt Karpfen existieren. In der Regel handelt es sich um kleinere Gewässer bis 100 Hektar Größe, die oft versteckt in Wäldern, abseits größerer Ortschaften liegen. Perfekt, um Ruhe und Einsamkeit in idyllischer Natur zu genießen.

Boilies? Völlig unbekannt!

In den letzten Jahren habe ich mir fünf solcher Seen herausgesucht, um dort in den Sommermonaten auf Karpfen zu fischen. Neue, unbekannte Gewässer haben ihre Reize, bergen aber auch einige Tücken. Wie eben schon erwähnt, wusste ich eigentlich gar nichts über mögliche Karpfenbestände. Das kann gut sein, weil es der Angelei eine besondere Spannung verleiht, allerdings müssen die Fangerwartungen tendenziell auf Zurückhaltung angepasst werden – wir fischen schließlich im Ungewissen. Nach Gesprächen mit ehemaligen Binnenfischern kam ein wenig Licht ins Dunkle. Es gab zwar vor langer, wirklich sehr langer Zeit hier und da Besatzmaßnamen, aber im Durchschnitt rechnete ich mit einem Karpfen je drei bis fünf Hektar Wasserfläche. Eins war mir klar: Diese Fische haben in ihrem ganzen Leben noch keinen Boilie gesehen. Daraus ergab sich die spannende Frage, wie ich diese uralten Fische dazu bringen könnte, Köder zu fressen, die sie nicht kennen. Erste Versuche, bei denen ich im flacheren Wasser bis vier Meter Tiefe mit Boilies unterschiedlicher Größe fütterte, schlugen fehl. Obwohl ich im klaren Wasser Karpfen in der Nähe meiner Futterplätze beobachten konnte, ignorierten sie die Köder.

Planänderung

Ein alter Fischer erzählte mir, dass die Fische in der längst zurückliegenden Zucht auch mit Weizen und Mais gefüttert wurden. Und wenn sie das nicht vollkommen vergessen haben, müssten sie sich eigentlich an den Geschmack erinnern… Also bereitete ich mir einen Partikelmix aus Weizen und Mais zu und fütterte damit über mehrere Tage an den von mir ausgewählten Plätzen. Ja, die Fische nahmen das Futter an. Und nein, ich konnte leider keinen davon fangen. Der Futterplatz war ratzekahl leergefressen. Das Sechser-Häkchen mit den drei Maiskörnern blieb unberührt. Schlauer als gedacht, diese Burschen. Klares Wasser mit Sichttiefen bis fünf Meter, eine Nahrungsaufnahme, die bei Tageslicht stattfindet und keinerlei Nahrungskonkurrenz gaben den Burschen alle Zeit der Welt, um die Köder zu inspizieren.

Tarnen und Täuschen

Mein Fazit: Montagen besser tarnen! Außerdem wollte ich zeitlich so füttern, dass die Fische eher bei Dunkelheit auf das Futter treffen und dann meine Montagen dort liegen. So können die Fische durch die schlechten Sichtverhältnisse den Köder nicht mehr so genau prüfen. Das Standardfestblei tauschte ich gegen ein Tarnblei mit „Kraut“-Umwicklung. Das Vorfach verkürzte ich von 20 auf 12 Zentimeter. Zwei Wochen lang, jeden zweiten Tag, brachte ich das Futter in der abendlichen Dunkelheit aus, um die Fische dazu zu animieren, nachts zu fressen. Gelegentliche Sichtkontrollen bei Tageslicht bewiesen, dass die Fische weiterhin das Futter aufnahmen. Prima!

Vorerst gab es jedoch leider kein Happy End. Ich verbrachte wieder eine erfolglose Nacht am Wasser. Und auch der Futterplatz war wieder leergeräumt – bis auf meine Hakenköder. Jetzt war guter Rat teuer. Ich machte mir also weitere Gedanken darüber, wieso die Fische mein falsches Spiel durchschauen konnten. Meine Vermutung: Wahrscheinlich stoßen sie gegen meine Schnur, wenn sie bei der Nahrungsaufnahme mit ihrem Rüsselmaul über den Grund schieben. Haltet mich für verrückt, aber ich deckte nun die letzten Meter der Hauptschnur zusätzlich mit Bodensediment ab. Mit Hilfe eines langen Kescherstabs, an dessen Ende ich eine Futterschaufel schraubte, ließ sich das im flachen Wasser gut praktizieren. Eine Menge Arbeit, aber pünktlich zur Dunkelheit waren beim nächsten Ansitz alle Ruten ausgebracht und bestmöglich getarnt. Mehr ging nicht!

Endlich Erfolg

Mit großer Anspannung fand ich in den Schlaf. Gegen 1.30 Uhr wurde ich plötzlich von meinem schreienden Bissanzeiger geweckt – die Erlösung! Ich stürmte jubelnd zur Rute und durfte nach einem aufregenden Drill endlich meinen ersten Karpfen dieses Sees über die Keschermaschen führen. Ein Blick in das Netz ließ mich einen ungestümen Freudenschrei ausstoßen. So einen großen Fisch hatte ich zwar erhofft, aber nicht wirklich erwartet. Das Wiegen ergab ein Gewicht von 37 Pfund. Ich brachte die Rute diese Nacht nicht mehr neu aus und legte mich zufrieden und glücklich beseelt auf meine Liege.

Lieber süß als fischig

In der darauf folgenden Zeit experimentierte ich auch an anderen, ähnlich dünn besetzten und fernab der Zivilisation gelegenen Seen herum und gewann weitere Erkenntnisse. Konnte ich die natürlichen Fressplätze wie Zuckmückenlarven- oder Teichmuschelfelder ausmachen, erhöhten sich die Fangchancen ganz enorm. In direkter Nähe ihrer gewohnten Nahrung scheinen die Fische andersartige Köder schneller zu akzeptieren. An zwei Gewässern gelang es mir sogar, dass die Karpfen kleine, süße Boilies fraßen. Das Interessante hierbei war, dass fischige Köder hingegen nicht angerührt wurden. Vermutlich schließt sich hier der Kreis zu der Erfahrung mit Partikelködern. Schließlich entwickeln die Köder beim Vorbereitungs- und Gärprozess ebenfalls eine leichte Süße. Und das führt vermutlich dazu, dass entsprechende Boilies schneller als Nahrung akzeptiert werden. Wer weiß, vielleicht braucht es einfach nur noch ein bisschen Zeit, bis die Fische sich auch auf fischige Boilies einlassen. Ich bleibe jedenfalls dran.

Fazit

Wer also einmal in Mecklenburg abseits ausgetretener Pfade etwas Neues erleben möchte und wem Ruhe und Naturidylle wichtiger sind als beständiges Fangen, der sollte seinen Pioniergeist ausleben. Für Überraschungen in Form von bisher ungefangenen Fischen ist jedenfalls gesorgt. Die Freude, an solchen Gewässern erfolgreich zu sein und schwer zu überlistende Karpfen letzten Endes doch an den Haken zu bringen, überwiegt jedes mir bekannte Glücksgefühl.

Mehr Infos zu geführten Angeltouren in Mecklenburg-Vorpommern bekommst Du auch hier www.pronature-mv.de.

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