Ein Spinnköder muss möglichst genau die natürlichen Beutetiere kopieren. Ach ja? Und warum fangen dann Köder mit völlig verrückten Farben, Formen und Vibrationen? Ganz einfach: weil unsere Räuber „Psychos“ sind.

Es war einmal ein kleiner, nur wenige Wochen alter Hecht. Der lebte in meinem Aquarium. Reglos döste er eines schönen Tages vor sich her und verdaute geruhsam. Um ihn herum schwebten Hunderte Wasserflöhe durchs Wasser – seine Nahrung, an der er sich gerade kugelrund sattgefressen hatte. Mit rhythmischen Schlägen ihrer zu Ruderorganen umgebildeten Fühler hüpften die Kleinkrebse auf und ab. Doch plötzlich störte etwas dieses Bild der Ruhe ganz massiv. Ähnlich einem abstürzenden Flugzeug schoss ein einzelner Wasserfloh in irrwitzigen Spiralen durch diese Unterwasserharmonie.

Der Hecht und der Wasserfloh

Er hatte nur einen Fühler statt zwei. Da die ausgleichende Gegenkraft des zweiten Fühlers fehlte, war er nicht in der Lage, wie seine Artgenossen kontrolliert vertikal auf und ab zu hüpfen. Stattdessen ließ ihn jeder Ruderschlag mit dem einzelnen Fühler in eine neue, unerwartete Richtung schießen. Um das zu korrigieren, schlug der gehandicapte Wasserfloh erneut mit dem Fühler – und schoss dadurch in die nächste falsche Richtung. Das Ganze war in jeder Hinsicht chaotisch und wurde umso hektischer, je mehr der Wasserfloh versuchte, die Fehlbewegungen auszugleichen.

Ohne es zu wollen oder gar steuern zu können, geriet der Wasserfloh mit seinen irrwitzigen Pirouetten immer mehr in die Nähe des dösenden Hechtes. Dieser reagierte prompt darauf: Plötzlich begannen seine Flossen zu arbeiten und der gelbgrüne Bladebaits sind top, wenn kleine Köder gefragt sind. „Krawall“ machen sie durch ihre harten Vibrationen dennoch genug Minitorpedo richtete sich mit der Schnauze gegen den Störenfried aus. Und als der angeschlagene Kleinkrebs wieder einmal in einer lang gezogenen Kampfkurve passgerecht für einen Angriff heranglitt, schoss der kleine Hecht los und schnappte sich den Wasserfloh!

Biss ohne Hunger

Bis zu diesem Punkt war das Verhalten des Hechtes „normal“ und bewegte sich im Rahmen dessen, was ich erwartete. Dann passierte jedoch etwas Überraschendes: Der Hecht verschluckte den Wasserfloh nicht, sondern spie ihn wieder aus und würdigte ihn danach keines Blickes mehr. Unbeachtet trudelte der sterbende Wasserfloh zu Boden, wo er verendete, ohne dass sich der Hecht auch nur ein einziges Mal für ihn interessierte. Stattdessen nahm der kleine Räuber seine Position von vor der Aktion wieder ein und döste weiter, als sei nicht gewesen … Aus dieser Zufallsbeobachtung in meinem Aquarium lernte ich zweierlei. Zum einen müssen sich Beute beziehunsgweise Köder nicht unbedingt natürlich bewegen, um eine Attacke zu  provozieren. Und zum anderen erfolgt nicht jeder Biss aus Hunger.

Suspender-Wobbler lassen sich durch extrem harte Animation zu „Psychos“ machen. Auf das daraus resultierende Druckwellen- und Geräusch-Chaos reagieren sogar Waller wütend

Es gibt neben Hunger offenbar noch weitere Motive für einen Angriff: Aggressivität gegen „Ruhestörungen“ wie im geschilderten Beispiel oder Neugier, um etwas Unbekanntes auf seine Fressbarkeit hin zu testen. Und auch Revierverteidigung, wie wir es vom Einzelgänger Bachforelle und den brutpflegenden Arten Zander und Wels kennen, kann einen Biss auslösen, wenn der Köder als Bedrohung des eigenen Reviers oder Brutplatzes wahrgenommen wird…

Mehr bisswütige Raubfische in der aktuellen Ausgabe von RUTE&ROLLE 11/2018!
Den kompletten Artikel „Köder für Psychos“ lest Ihr im JIG&JERK-Teil.

Text & Fotos: Sven Halletz

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